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Geld zum Wohle aller – Regionalwährungen – und wie sie uns dienen können (20.07.2016)

Durch die Einführung des Euros ist unser Währungsraum schlagartig auf eine zig-fache Größe angewachsen.

Dies hat für Konsumenten, vor allem aber auch für Produzenten viele Vorteile mit sich gebracht. Gleichzeitig ging damit aber auch die Kontrolle darüber verloren, wohin das Geld, das wir ausgeben fließt und was es dort bewirkt. Regionalwährungen können uns dabei helfen, teilweise wieder etwas von dieser Kontrolle über unser Geld zurück zu gewinnen. Und bei genauerer Betrachtung stellen wir fest, dass Regionalwährungen noch eine Vielzahl weiterer Vorteile aufweisen, die uns im Umfeld eines aus den Fugen geratenen Finanzsystems von Nutzen sein können.

Was ist eine Regionalwährung

Regionalwährungen sind Zweitwährungen, die ergänzend zur bestehenden Währung wie z.B. dem Euro eingesetzt werden, dabei aber nur innerhalb ihrer Region gültig sind. Außerhalb ihrer Heimatregion finden sie nur selten Akzeptanz. Jeder Wirtschaftsteilnehmer, der Einnahmen in Regionalwährung erzielt, ist somit in der Situation, diese Einnahmen wieder in derselben Region ausgeben zu müssen. Darüber hinausgehende Einnahmen in anderer Währung wie Euro, können wie gewohnt verwendet werden. Die Region in der eine Regionalwährung gültig ist, kann sehr klein und begrenzt sein – wie z.B. eine kleine Gemeinde, kann ein abgegrenzter Wirtschaftsraum wie z.B. ein Tal sein, oder kann auch eine ganze Region wie z.B. ein Bundesland umfassen. Diese Region ist dabei nicht an Staats- oder Landesgrenzen gebunden sondern könnte auch ein einheitlicher Wirtschaftsraum sein, der über solche Grenzen hinausreicht, wie z.B. die Bodenseeregion mit Deutschland, Österreich und der Schweiz (D-A-CH – Region).

Der Name der Regionalwährung macht meistens deutlich, für welche Region die Währung gilt. Beim Bristol Pound, dem Chiemgauer oder dem Waldviertler ist schnell klar, wo diese Währungen gelten. Der VTaler gilt in ganz Vorarlberg (Österreich), der NEUKI in Neukirchen an der Vöckla (Oberösterreich) und Langenegger Talente eben nur in der kleinen Gemeinde Langenegg im Bregenzer Wald. Die meisten dieser Währungen sind Euro-gedeckt und werden 1:1 wie Euro verwendet und verrechnet.

Regionalgeld ist ähnlich einem Einkaufs-Gutschein, nur dass es nicht von einem einzelnen Unternehmen herausgegeben und genutzt wird, sondern von einem Zusammenschluss von Unternehmern und Verbrauchern. Genau wie Gutscheine sind aber auch Regionalgelder meist nur zeitlich befristet gültig.

Im Zuge der Einführung des Euro und dem damit verbundenen massiven Anwachsen des Währungsraumes, genauso aber auch wegen einer gewissen Grundskepsis gegenüber dem Euro, sind Regionalwährungen in den letzten Jahren wieder regelrecht en vogue geworden. Im DACH – Raum gibt es heute über 80 Regionalwährungen, in Österreich aktuell mindestens 12.

Wir wirkt eine Regionalwährung?

Aufgrund der regionalen Begrenzung kann Regionalgeld im Gegensatz zu überregionalem Geld nicht aus der Region abfließen und hält die Kaufkraft der Bevölkerung in der Region. Es fördert somit regionale Wirtschaftskreisläufe, besonders zwischen kleinen und mittelständischen Unternehmen. Im Unterschied zu Gutscheinen, die meist nur einmal zur Bezahlung verwendet werden und dabei wieder zum Ausgeber zurückkommen, sollen mit Regionalgeld wirtschaftliche Kreisläufe angestoßen werden, die zu einer mehrfachen Steigerung der Wertschöpfung in der Region führen.

Das folgende Bild zeigt anhand des VTalers einen möglichen Kreislauf der Regionalwährung in Vorarlberg. Studien an der Fachhochschule Dornbirn haben ergeben, dass durch Bezahlung mit einem VTaler, eine Wertschöpfung von 4 VTalern bzw. von 4 Euro in der Region entsteht.

Die zeitliche Begrenzung und die Zinslosigkeit von Regionalgeld fördern außerdem einen schnelleren Umlauf der Währung, da die Hortung dieses Geldes unattraktiv ist.

Welche Vorteile entstehen noch durch eine Regionalwährung?

Regionalgeld stellt zusätzliche Kaufkraft in der Region zur Verfügung, welche den teilnehmenden Unternehmen zusätzliche Umsätze verschafft. Regionalgeld hilft, vorhandene Produktions- und Leistungskapazitäten besser auszunutzen, fördert und stärkt die regionale Wirtschaft. Höhere Kaufkraft der Bevölkerung bedeutet höhere Umsätze der Unternehmen und somit die Schaffung oder Erhaltung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen. Die Kommunen können mit höheren Steuereinnahmen (in Regionalgeld) rechnen, der Wohlstand der Region steigt durch die angestoßene Konjunktur.

Für Konsumenten

Kunden die regelmäßig Euros in Regionalgeld tauschen werden oft durch einen Rabatt belohnt. So erhalten z.B. VTaler- oder NEUKI-Abonnenten, die monatlich einen fixen Eurobetrag in ihre lokale Währung tauschen einen Rabatt von 3% schon beim Umtausch. Alle Einkäufe die dann in Regionalgeld getätigt werden, sind somit automatisch rabattiert.

Es hat sich auch gezeigt, dass Konsumenten, die regelmäßig mit Regionalgeld bezahlen, ein höheres Bewusstsein über Qualität, Herkunft und Produktionsweise der gekauften Produkte entwickeln. Regionalgeldbenutzer haben wieder die Möglichkeit den Produzenten der gekauften Waren persönlich zu kennen und wissen wie er produziert. Die Konsumenten können dadurch vermeiden, dass das ausgegebene Geld schlussendlich z.B. zu Produzenten wandert, die Fleisch durch Massentierhaltung oder Gemüse durch übermäßigem Einsatz von Pestiziden oder in Monokulturen billig produzieren, oder dass gar Waren gekauft werden, die durch Kinderarbeit oder sonstige ausbeuterische Methoden hergestellt wurden.

Konsumenten, die Regionalgeld verwenden kaufen im Schnitt öfter biologisch produzierte Lebensmittel, kaufen weniger beim Diskonter ein und essen im Schnitt gesünder als Konsumenten, die nur mit Euros bezahlen. Durch die Verwendung von Regionalgeld knüpfen sie auch wieder Beziehungen zu regionalen Produzenten und bilden regionale Netzwerke. Im Falle einer Krise, in der überregionale Lieferketten zusammenbrechen könnten, wissen sie sich besser zu helfen, sind besser vor Engpässen geschützt und besser vernetzt.

Außerdem haben Regionalwährungen auch einen erzieherischen Effekt für Konsumenten. Diese werden sich wieder ihrer Verantwortung aber auch ihrer Macht bewusst. Plötzlich drängt sich die Frage auf: „Kaufe ich ein Brötchen aus der Backbox beim Diskonter, das billig ist und schmeckt, aber dessen Teiglinge vielleicht in Polen oder sonst wo, industriell und unter Einsatz von viel Chemie und Pestiziden produziert und hunderte von Kilometern weit transportiert wurde? Oder gehe ich zum örtlichen Bäcker, bezahle dort mein Brötchen in Regionalwährung und weiß, dass der Bäcker seine Rohstoffe dafür ebenfalls in der Region kauft, dass dadurch Bäcker, Mühle und Bauer in der Region gestützt werden, deren Betriebe erhalten bleiben und die Produktionsmethoden nachvollziehbar sind?“ So gibt Regionalgeld Konsumenten auch wieder etwas von ihrer (Lenkungs-)Macht zurück.

Für Betriebe

Akzeptanzstellen für Regionalgeld, egal ob Gastwirt, Produzent, Handel oder Landwirt, können durch die Nutzung dieser Netzwerke neue Kunden erreichen und profitieren durch die Persönlichkeit der Kundenbeziehung von einer höheren Kundenbindung. Auch vom Transfer eines positiven Images der Regionalwährung zu sich, können sie zusätzlichen Nutzen ziehen.
Wenn die Regionalwährung in Form von Papierscheinen etabliert wurde, bietet sie den Unternehmen auch eine hervorragende Werbefläche mit vielen Vorteilen. Die Werbung auf regionalen Geldscheinen erreicht garantiert die regionale Zielgruppe, wird sicher nicht weggeworfen und wird unter den Akteuren im Wirtschaftsraum sogar weitergereicht und damit weiterverbreitet.

Für die Wirtschaft

Währungsvielfalt macht das Geld- und Wirtschaftssystem widerstandsfähiger und schafft Wahlfreiheit.

Überregionaler Handel wird weiterhin mit dem überregionalen Zahlungsmittel abgewickelt. Mit Regionalgeld wird jedoch der Handlungsbereich der regionalen Akteure um einen regionalen Markt erweitert.

Die Wirtschaft wird stabiler und krisenresistenter. Regionales Geld fördert die regionale Wirtschaft und macht sie unabhängiger von außerregionalen Ereignissen. Wenn in einer Krise der Euro unter Druck gerät oder gar zusammenbricht, bleibt die regionale Währung als bereits bestehendes und funktionsfähiges System erhalten. Und sogar wenn das gesamte Geldsystem kollabieren sollte, ist zu hoffen, dass die Regionalwährungen als Rettungsboote für die Menschen dienen können, meinte schon die vor zwei Jahren verstorbene Pionierin der Regionalgeldbewegung Margit Kennedy, in ihrem Buch „Occupy Money“. Allein ein Blick nach Griechenland – wo bis heute die Behebung von Euro Bargeld stark eingeschränkt ist – genügt, um zu verstehen, dass vorhandene Regionalgeldsysteme dort von großem Nutzen für die Menschen wären.

Strukturschwache Regionen, die in einen Teufelskreis gefangen sind, in dem immer mehr Kaufkraft in strukturstärkere Regionen abfließt, dadurch immer mehr Betriebe schließen, immer mehr Arbeitsplätze verloren gehen, immer mehr Menschen die Region verlassen und damit noch mehr Kaufkraft verloren geht, können diesen Kreislauf durch den Einsatz regionaler Währungen durchbrechen.

Eine tolle Erfolgsgeschichte dazu liefert die kleine Vorarlberger Gemeinde Langenegg im Bregenzerwald. Nach einem Bürgerbeteiligungsverfahren entschied sich die Gemeinde aufgrund der pensionsbedingten Schließung des  Dorfladens einen neuen vollsortierten Dorfladen zu bauen. Die Handelsketten hatten dafür kein Interesse. Zusätzlich entschlossen sich die Bürger und allen voran Bürgermeister und Gemeinderat, eine eigene Dorfwährung – die Langenegger Talente – ins Leben zu rufen. Heute acht Jahre später können sich die positiven Ergebnisse sehen lassen, erzählt uns Gernot Jochum-Müller, Vorstand der Allmenda Social Business Genossenschaft: „Die Allmenda ist Herausgeberin von Regionalwährungen in ganz Österreich u.a. vom VTaler, dem NEUKI und eben auch den Langenegger Talenten. Die Währung wurde im Dorf eingeführt, um den neuen Dorfladen zu unterstützen.

Jährlich werden von 1.100 Bürgern etwa 170.000 Euro in Langenegger Talente umgetauscht. Diese Scheine wechseln im Schnitt viermal den Besitzer bevor sie auf der örtlichen Bank wieder zurück getauscht werden. Das bedeutet, dass diese Währung jährlich fast 700.000 Euro an Kaufkraft im Dorf bindet. Der Dorfladen macht ca. 15% seines Umsatzes in der Dorfwährung und auch andere Betriebe profitieren von dem System. In Neukirchen an der Vöckla (NEUKI) ergab eine aktuelle Befragung, dass 60% der Teilnehmer an der Dorfwährung wegen dieser deutlich mehr im Dorf ausgeben, als es ohne diese Währung der Fall wäre.

Jeden Tag diese Scheine in der Geldtasche zu haben, bedeutet nämlich eine tägliche Erinnerung „kauf im Dorf ein“. Das verbindet die Menschen. Sowohl Neukirchen in Oberösterreich als auch Langenegg akzeptieren die Kommunalsteuer der Betriebe in der lokalen Währung und zahlen Förderungen an Vereine etc. in der Dorfwährung aus. Für die rechtlichen Grundlagen, das Marketing und das eigene Onlinebanking sorgt die Allmenda Genossenschaft.

„Mittelfristig“ – so Gernot Jochum-Müller – „geht es darum, dass wir als Gesellschaft lernen, Geld selbst zu gestalten und zielgerichtet einzusetzen. Sei es für die Erhaltung der dörflichen Strukturen, für die Sicherstellung der Betreuung von alten Menschen oder zur Integration von Flüchtlingen. Je nach dem können unterschiedliche Geldformen benutzt werden. Das sind taugliche Werkzeuge für eine bessere Zukunft. Denn der Euro ist immer knapp, egal wieviel es davon gibt. Dadurch werden alle Entscheidungen von diesem Geld geprägt, und davon müssen wir wegkommen.“

Last but not least verringert der Einsatz von Regionalgeld und die dadurch verstärkte Regionalwirtschaft den überregionalen Transport und damit den Schadstoffausstoß sowie das Verkehrsaufkommen, was der strapazierten Umwelt in Zeiten des Klimawandels zu Gute kommt.

So sind am Ende alle Gewinner – die Konsumenten, Handel und Produzenten, die Wirtschaft, die Region und sogar die Umwelt – zum Wohle aller.

Dr. Michael Zorn

erschienen am 13.07.2016 in NEOPresse
http://www.neopresse.com/finanzsystem/geld-zum-wohle-aller-regionalwaehrungen-und-wie-sie-uns-dienen-koennen/

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