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Ausstieg aus der Megamaschine - Die Krise des Lebens auf der Erde und der große Umbau der Gesellschaft. (06.07.2019)

Da steht ein Elefant im Raum und er beklagt sich, dass ihn keiner sieht! Wir werden dauernd mit Schreckensmeldungen konfrontiert, sie scheinen zusammenhangslos, sind es aber nicht. Scheidler benutzt dafür den Begriff der Megamaschine. Und was ist jetzt der Elefant?

Am 5.6.2019 war Fabian Scheidler Gast bei ROLAND-Regional Bildung und Wissen e. V. Thema der Veranstaltung: Ausstieg aus der Megamaschine - Die Krise des Lebens auf der Erde und der große Umbau der Gesellschaft.

Scheidler zeichnet sich durch eine sehr klare Sprache aus.

Sie bleibt durch die vielen Bespiele immer anschaulich. Wir haben die Veranstaltung aufgezeichnet und dürfen sie auf unserer Seite ins Netz stellen. Das wird in Kürze geschehen. Hier soll es um einen Bericht gehen, der kurz genug ist, dass er gelesen wird, ausführlich genug, um die Gedanken nachvollziehen zu können. Die Kenntnis seiner beiden Bücher ist dabei natürlich hilfreich.

 

Die Megamaschine

 

Scheidler beginnt damit, dass er die Krisen des gegenwärtigen Lebens auf der Erde darstellt:

  • Wir haben das größte Artensterben in der Menschheitsgeschichte.
  • Jährlich gehen 1 % der fruchtbaren Böden verloren.
  • Wir steuern auf eine globale Süßwasserkrise zu.
  • Wir haben eine Klimakrise (die anderen Krisen wären auch ohne sie da!).
  • Wir werden eine Lebensmittelkrise bekommen.
  • Der Finanzkrise von 2008 wird eine weitere folgen.
  • Wir haben eine soziale Spaltung.
  • Wir stehen vor den größten Fluchtbewegungen.
  • Wir haben eine Delegitimierung der politischen Repräsentanten.

Auf diese Phänomene und auf die Flut anderer Nachrichten können wir in verschiedener Weise schauen: Sind sie Einzelphänomene oder ergeben sie ein erklärendes Bild? Scheidler benutzt das Bild des Elefanten im Raum, den niemand wahrnimmt. Es geht um die Frage: was sind die gemeinsamen systemischen Wurzeln dieser Probleme?

Dieser Prozess entstand vor 500 Jahren. Er hat unterschiedliche Namen, Scheidler nennt ihn Megamaschine. „Damit ist keine technische Maschine gemeint, sondern (es sind) … hierarchisch aufgebaute Gesellschaften, die ein Stück weit wie Maschinen funktionieren, vom Ägypten der Pharaonen bis zur modernen kapitalistischen Megamaschine“.


Sie besteht aus drei Säulen:

  1. Endlose Akkumulation von Kapital. Kapital wird nur eingesetzt, wenn es wachsen kann. Stillstand bedeutet Tod. Das Kapital würde nicht mehr investiert, dann gäbe es Arbeitslosigkeit und das Ganze geht den Bach runter.
  2. Der moderne Staat incl. der Geschichte der Aktiengesellschaft. Wirtschaft und Staat erscheinen uns heute als zwei unabhängige Institutionen. Das ist aber falsch, beide haben sich historisch zusammen entwickelt. Und die modernen Staaten waren von Anfang an hoch verschuldet. Das Geschäftsmodell war: Die Kaufleute und Banken liehen dem Staat Geld dafür, andere Länder zu überfallen und aus den Plünderungen den Return on Investment zu bezahlen. Die zweite Gegenleistung waren Monopole!
  3. Ideologische Macht legitimiert die Gewaltverhältnisse und verschleiert Zusammenhänge. Scheidler bezeichnet diese Säule als „Der Mythos des Westens“, der bis heute gepflegt wird. Es kann kein System, das auf Gewalt und Ungleichheit beruht, sich nur auf die beiden Säulen Kapitalakkumulation und Staat beziehen!

Die erste Aktiengesellschaft, die Niederländische Ostindien-Kompanie, hatte eine eigene Flotte, eine eigene Söldnerarmee, fiel in Staaten ein, beging Völkermord und setzte eine eigene Rechtsprechung durch bis hin zu Todesurteilen. Das war ein staatenähnliches Gebilde. Es gehört zu den schmutzigen Geheimnissen des Kapitalismus, dass er mit Märkten oder mit freien Märkten wenig zu tun hatte, sondern im Wesentlichen auf Monopolen und Oligopolen basiert.

Dieses System hat Wohlstand für 20 – 30 % der Bevölkerung gebracht. Scheidler betrachtet die Geschichte eher aus dem Blickwinkel der 70 – 80 % Verlierer. Damit ist sein Blick global. Essentiell für die Megamaschine ist die Trennung zwischen Arm und Reich, d.h. es geht im Kern um billige Ressourcen, d.h. Arbeitskraft und Rohstoffe.

  • Das wurde ursprünglich durch direkte koloniale Gewalt durchgesetzt.
  • Nach WK2 durch Regimechanges. Der Westen hat keine eigenständige Entwicklung zugelassen. Scheidler nennt Iran, Guatemala, Chile und viele weitere Beispiele. (siehe Opens external link in new windowThe Economic Hitman)
  • In diesem Jahrtausend durch Strukturanpassungen über die Verschuldung (IWF). Die „Griechenlandrettung“ ist uns noch gegenwärtig.

China ist das erste Land, das es anders macht und offensichtlich die Macht dazu hat.

 

Chaos und systemische Grenzen der Megamaschine

 

Arten der Grenzen:

1.    Innere:

Das neoliberale Programm hat die endlose Kapitalakkumulation gestärkt. Die Folgen waren unter anderem das Schwächen der Gewerkschaften und der Ausbau des Niedriglohnsektors. Der Nachteil: Es entstand eine Nachfragelücke. Wer sollte die Produkte kaufen? Die Antwort waren Schulden, aber Blasen platzen. Es folgt die Umlage auf die Bevölkerung, eine Abwärtsspirale setzt sich in Gang. Auch das ist eine Ursache für die aktuellen politischen Verwerfungen.

Es gäbe darauf eine relativ einfache Antwort: das klassisches keynsianische Interventionsprogramm, Green New Deal mit kräftigen Investitionen des Staates in grüne Technologie mit hoher Besteuerung der Vermögen („sollte man machen“). Das löst aber die ökologische Frage am Ende des Tages nicht.

2.    Ökologische:

Lösung: weniger Autos, weniger Produkte, gute Nachrichten für den Planeten, schlechte Nachrichten für Automobil-, Möbel- und Mobilfunkindustrie. D.h. spätestens hier wird die systemische Frage deutlich! Und die scheuen sich die Politiker auch nur auszusprechen.

D.h. nicht, dass man das, was man innerhalb des Systems machen könnte, nicht machen sollte. Das systemische Problem bleibt aber bestehen. Und das hat katastrophale Folgen für das Klima. Durch die Kombination dieser Grenzen werden wir in eine chaotische Übergangszeit kommen. Der Ausgang daraus hängt stark von sozialen und ökologischen Bewegungen ab. Diese Entwicklung ist nicht deterministisch.

Wie könnte die Entwicklung sein?

Reaktion der Megamaschine:

  • Es geht um den Ausbau der autoritären Herrschaftssysteme und der sich bereits abzeichnende Ausbau der Repression auch in der EU. Die Ausnahmegesetzte werden beibehalten (Frankreich), die Rüstung wird vehement ausgeweitet, auch ohne jede Bedrohung. Es geht auch darum, die kleiner werdenden Wohlstandsinseln mit Gewalt zu verteidigen. Es gibt aber auch Widerstand.
  • Ausbau der Tributökonomie: Die Monopole hängen am Tropf des Staates. Z.B. der Flugverkehr bezahlt keine Kerosin-Steuer, keine Umsatzsteuer und leistet keinen Beitrag zum Ausbau seiner Infrastruktur. Der Berliner Flughafen hat 6 Mrd. Euro verschlungen, Steuergelder! Mit Markt hat das nichts zu tun.

Es geht um die Verwendung der Steuern. Und hier ist die Achillesferse des Systems, denn über die Verwendung der Steuergelder entscheidet theoretisch der Bürger!

 

Was tun?

 

Der Elefant beklagt sich, dass er nicht gesehen wird! Ja, wir müssen es klar benennen: Da steht ein Elefant im Raum! Wir brauchen systemische Antworten darauf und nicht nur Frickeleien. Wir brauchen einen Ausstieg aus der Megamaschine während sie noch läuft. Auf den nächsten großen Crash zu warten und die Hände in den Schoß zu legen ist die denkbar schlechteste Lösung.

Nur ein paar Ideen:

Die Emissionen so schnell wie möglich runterbringen. An „Ende Gelände“ teilnehmen oder sie unterstützen, die Opens external link in new windowDivestment-Kampagne voranbringen und Ausstieg aus der Logik der unendlichen Kapitalakkumulation fordern, d.h. wir brauchen eine Wirtschaft, die dem Allgemeinwohl dient, z.B. Bürgerenergie oder kommunale Versorgung und Genossenschaften.

Dann haben wir aber ein großes Problem: Diese ganzen Initiativen bleiben in den Nischen, solange der Staat agiert wie er agiert. Wir brauchen einen Umbau der Logik des staatlichen Handelns. Das ist ein großer Kampf. GWÖ ist ein Beispiel.

Wichtige Frage: Was tun wir, wenn der nächste Finanzcrash kommt? 2008 waren wir wie gelähmt! Diesmal machen wir es anders. Wir haben gute Konzepte! Großbanken abwickeln, Kredite nach sozialen und ökologischen Kriterien vergeben!

Wir haben ein Leitbild: besser leben mit weniger Gütern, Verkürzung der Arbeitszeit! D.h. aber auch, die soziale und die ökologische Frage sind sehr eng aneinander gekoppelt. Wir brauchen eine Umverteilung. In Berlin frisst die Miete 50% des Einkommens. Daraus folgt die Forderung nach Enteignung. Neben Art. 14 GG gibt es auch noch Art. 15 GG, Überführung in Gemeineigentum.

International: Wir müssen uns für die Rechte von Geflüchteten einsetzen. Auch wenn man den Klimawandel mäßigen kann, wir werden viele Millionen weitere Menschen als Klimaflüchtlinge bekommen. Das muss im internationalen Rahmen gelöst werden.

Wir brauchen dringend eine neue Friedensordnung. Für die Umsetzung der Maßnahmen brauchen wir die Abwesenheit von Krieg.

Und wir brauchen dringend andere Medien. Rezo war ein zuversichtlich stimmender Anfang. Scheidler selber betreibt seit Jahren context.tv.

Der Umbau ist kein gradliniger Prozess. Die Chaosforschung kennt den Schmetterlingseffekt: Der Flügelschlag eines Schmetterlings auf der einen Seite der Erde kann einen Sturm auf der anderen Seite auslösen! Lasst uns viele Schmetterlinge werden!

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